Finger weg von Nahrungs- ergänzungsmittel

Bei der Recherche für meine Beiträge stieß ich im Internet immer wieder auf Videoclips, in denen Fitness- oder Ernährungsberater sehr langatmig ihre Methode für ein besseres Leben darlegen. Diese Präsentationen dauern ca. 10 Minuten und immer wird am Ende ein Nahrungsergänzungsmittel angeboten, mit dem Versprechen, durch dieses neuartige Mittel ohne Verzicht und Disziplin zum gewünschten Ziel zu kommen. Das Schockierende für mich ist die Tatsache, dass viele Menschen eher bereit sind für viel Geld Nahrungsergänzungsmittel im Internet, in der Apotheke oder in Drogerien zu kaufen, als auf Zucker, ungesunde Fette oder Alkohol zu verzichten. Das Geschäft mit Nahrungsergänzungsmitteln boomt, alle die ein Problem mit ihrer Gesundheit, ihrem Gewicht oder ihrer seelischen und körperlichen Fitness haben greifen erst einmal zu freiverkäuflichen Kapseln oder Shakes. Nahrungsergänzungsmittel sind rechtlich Lebensmittelprodukte. Sie enthalten bestimmte Nährstoffe wie Vitamine oder Mineralstoffe in konzentrierter und dosierter Form und werden in lebensmitteluntypischer Form wie Tabletten, Pulver oder Kapseln angeboten. Sie unterscheiden sich in ihrem Zweck von Arzneimittel und werden nicht von der Arzneimittelbehörde kontrolliert, da sie als Lebensmittel gelten. Omega-3-Fettsäure-haltige Fischöl-Kapseln beispielsweise gibt es fast überall zu kaufen, sogar im Supermarkt.

verschiedenen Nahrungsergänzungsmittel in Kapsel- und Tablettenform

„Es gibt keine einzige Rechtfertigung für die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren“, lautet das vernichtende Urteil von Dr. Louise Bowman, die die Ergebnisse der bisher größten randomisierten Studie zur kardiovaskulären Wirkung von Omega-3-Fettsäuren beim ESC-Kongress in München 2018 präsentierte.

Millionen von Menschen nehmen Omega-3-Fettsäuren als Tabletten zur Herzerkrankungsprävention ein. Doch das können sie sich sparen, wie nun diese große randomisierte Studie ergeben hat. (ASCEND-Studie 2018) Allerdings steht auch fest, dass zumindest in den USA hoch dosierte Eicosapentaensäure (EPA) künftig in Ergänzung zu Statinen (verschreibungspflichtige Lipidsenker) bei ausgewählten Patienten zur kardiovaskulären Primär- und Sekundärprävention verordnet werden kann. Der Hersteller weist ausdrücklich darauf hin, dass es sich bei diesen Kapseln nicht um Fischöl handelt. Der enthaltene Wirkstoff werde aber durch ein komplexes Verfahren aus Fisch isoliert und ist verschreibungspflichtig. (REDUCE IT-Studie 2019). Der Nutzen von Fischöl in der als Nahrungsmittelergänzung angebotenen Dosis ist also nicht erwiesen.

Ich selbst habe an einer Studie mit Fischölkapseln an einer Münchner Universitätsklinik mitgearbeitet. Es wurden Patienten mit nachgewiesener koronarer Herzkrankheit mit oder ohne Fischöl behandelt. Das Ergebnis war nicht signifikant, also die Langzeitprognose der Fischöl-Patienten war nicht besser, als die der Kontrollgruppe. Da wir als junge Assistenzärzte von dieser Studie finanziell abhängig waren, spielte der Pharmakonzern eine wesentliche Rolle, denn er sicherte unser Einkommen. So ist es auch bei den Nahrungsergänzungsmitteln, die Konzerne haben sehr viel Geld investiert und müssen ein Geschäft machen.

Der finanzielle Gewinn der Nahrungsergänzungsmittel-Industrie und ihrer Vertreiber steht vor unserem gesundheitlichen Nutzen. Nahrungsergänzungsmittel sind ein Medizinprodukt und benötigen kein medizinisches Zulassungsverfahren. Auch in der Nahrungsmittelindustrie steht das wirtschaftliche Interesse vor dem gesundheitlichen Nutzen, denn sonst wären die Zucker- und Fettgrenzen in unseren verarbeiteten Lebensmittel und Getränken längst Gesetz. Das Gegenteil ist der Fall, Schokolade und Limonade müssen einen gewissen Prozentsatz Zucker enthalten, um den Namen Schokolade oder Limonade führen zu dürfen.

Mit einer Ernährung, die auf „Grünzeug“, Hülsenfrüchte und bei Bedarf auf mageres tierisches Eiweiß beruht, braucht man sich um seine Nährstoffversorgung keine Sorgen zu machen. Die größten Nährstoffräuber sind Zucker und Alkohol, deshalb gilt auch weiterhin „Was trinken wir? und „Wasser trinken“

Das Geld für Nahrungsergänzungsmittel können wir uns bis auf wenige Ausnahmen (siehe nächster Beitrag) sparen und lieber in hochwertige, unverarbeitete Lebensmittel investieren. Der einzige Ausweg aus dieser „Industriespirale“ ist selber kochen und der Verzicht industriell erzeugter Nahrungsmittel.

Überlegt doch mal, wieviel Geld jeder für Nahrungsergänzungsmittel ausgibt. Sucht in euren Schränken und Schachteln die Medizinprodukte zusammen und überschlagt einmal die Kosten. Die nächste Überlegung ist ein ehrliches Resümee des gesundheitliche Nutzens, der dieses ausgegebene Geld gebracht hat. Man weiß natürlich nicht, wie schlecht es einem ergangen wäre, wenn man die Präparate nicht eingenommen hätte. Auf diesen Effekt, die Gewöhnung und die Werbung zur besten Sendezeit setzt die Industrie. Ich habe Eiweiß-Shakes zur Gewichtsabnahme ausprobiert und kein einziges Kilo dauerhaft verloren. Mein Allgemeinbefinden hat sich auch nicht durch Vitamin-Kombi-Präparate oder Fischölkapseln verbessert. Ich jedenfalls will mein Geld nicht mehr für die Industrie ausgeben, ich will mich einfach seelisch und körperlich besser fühlen.


Macht mit, überdenkt die Einnahme von Nahrungsergänzungsmittel und fangt einfach an zu kochen. Es klappt bestimmt!

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